Wohnung kaufen: Worauf ich bei der Besichtigung achte

Judith Grossenbacher mit Farbmustern und Grundriss am Tisch

Eine Besichtigung dauert oft nur eine halbe Stunde. In dieser Zeit entscheidest du über viel Geld und über dein Zuhause für viele Jahre. Und meistens schaust du dabei auf das, was gerade da ist: die Küche, die Farbe an den Wänden, die Möbel der Verkäufer.

Ich schaue bei einer Besichtigung auf etwas anderes. Auf das, was in einer Wohnung steckt. Seit über 20 Jahren plane ich Umbauten, Küchen und Bäder, und ich habe selbst ein Haus geplant und gebaut. Darum weiss ich: Die wichtigsten Fragen sieht man nicht auf den ersten Blick.

Hier sind die Punkte, auf die ich bei jeder Wohnungsbesichtigung achte.

1. Der Grundriss: Passt er zu deinem Leben?

Bevor du hingehst, lass dir den Grundriss schicken und druck ihn aus. Dann kannst du vor Ort Notizen machen.

Frag dich dabei nicht nur «Wie gross ist es?», sondern «Wie will ich hier leben?».

  • Wo arbeitest du, wenn du von zu Hause aus arbeitest?
  • Wo empfängst du Gäste?
  • Wie liegen Küche, Essen und Wohnen zueinander?
  • Sind die Schlafräume ruhig und vom Wohnbereich getrennt?
  • Gibt es einen Eingang mit Platz für Garderobe und Schuhe?

Ein Grundriss kann auf dem Papier grosszügig aussehen und sich vor Ort eng anfühlen. Und umgekehrt. Achte auch auf die Wände: Wenn überall eine Tür oder ein Fenster ist, wird es schwierig, Möbel gut zu stellen.

2. Licht: Geh zweimal hin

Licht verändert einen Raum mehr als jede Farbe. Schau, in welche Himmelsrichtung Wohnzimmer, Balkon und Schlafzimmer liegen. Und wie viel Tageslicht in Küche und Bad kommt.

Mein Tipp: Wenn es geht, besichtige die Wohnung zu zwei verschiedenen Tageszeiten. Morgens und abends wirkt sie oft ganz anders.

Achte dabei auch auf die Geräusche. Strasse, Nachbarn, Treppenhaus, Lift: Was du bei der Besichtigung hörst, hörst du später jeden Tag.

3. Stauraum: Wo kommt alles hin?

Viele Wohnungen sind schön, aber es fehlt Stauraum. Frag nach Reduit, Einbauschränken, Keller und Estrich. Gut geplanter Stauraum macht ein Zuhause ruhig. Fehlt er, liegen die Dinge überall herum.

Die gute Nachricht: Mit Einbaumöbeln nach Mass lässt sich viel herausholen. Aber du solltest vorher wissen, wo das möglich ist.

Grundrissplan mit Einbauschränken Garderobe-Stauraum

4. Zustand: Was bleibt, was kommt neu?

Schau genau hin, auch in die Ecken:

  • Wie alt sind Küche und Bad?
  • Sind die Fenster dicht und lassen sie sich gut öffnen?
  • Welche Heizung gibt es, und wie alt ist sie?
  • Hat es genug Steckdosen und Lichtanschlüsse am richtigen Ort?
  • Gibt es Spuren von Feuchtigkeit oder Schimmel, zum Beispiel an Fensterbänken, im Bad oder im Keller?

Eine alte Küche oder ein altes Bad ist übrigens kein Grund, eine Wohnung abzulehnen. Im Gegenteil: Hier kannst du alles so gestalten, wie es zu dir passt, statt mit der Wahl eines anderen zu leben. Wichtig ist nur, dass du die Kosten von Anfang an mitrechnest.

Vorher und nachher: Die alte Küche wurde komplett neu geplant.

5. Umbaupotenzial: Was wäre möglich?

Hier schaue ich als Innenarchitektin am genauesten hin.

  • Welche Wände sind tragend, welche könnten weg? Frag nach den Plänen.
  • Lässt sich die Küche öffnen oder verschieben? Wo liegen Wasser und Abwasser?
  • Hat es Platz für ein Gäste-WC oder eine Waschküche in der Wohnung?

Manchmal macht eine einzige versetzte Wand aus einer gewöhnlichen Wohnung einen Ort, an dem du jeden Tag gern nach Hause kommst. Und manchmal ist ein Umbau viel aufwendiger, als es aussieht. Beides solltest du vor dem Kauf wissen.

Links die Visualisierung, rechts das fertige Bad.

6. Bei Stockwerkeigentum: die richtigen Fragen stellen

Kaufst du eine Eigentumswohnung, kaufst du auch einen Teil des Hauses. Frag darum nach:

  • dem Erneuerungsfonds und geplanten Sanierungen (Dach, Fassade, Leitungen)
  • den Protokollen der letzten Eigentümerversammlungen und dem Reglement
  • dem, was du in deiner Wohnung umbauen darfst und was eine Zustimmung braucht
  • den monatlichen Nebenkosten

7. Und zum Schluss: dein Gefühl

Nach all den Fakten zählt am Ende auch das: Kannst du dir vorstellen, hier nach einem langen Tag anzukommen? Siehst du die Wohnung schon mit deinen Möbeln, Farben und Stoffen?

Wenn etwas stört, frag dich: Lässt es sich ändern? Oft lautet die Antwort ja. Man muss nur wissen, wie.

Du möchtest nicht allein entscheiden?

Ich komme gern mit zur Besichtigung und schaue mit meinem Fachblick hin: Grundriss, Licht, Zustand, Umbaupotenzial und grobe Kosten. Danach weisst du, was in der Wohnung steckt und ob sie zu dir passt. Und wenn du sie kaufst, begleite ich dich weiter: von der Planung bis zum Einzug.

Judith

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